Die Zeit (b)rennt!
Das war nicht nur der Titel des Kirchentages, sondern ist auch manchmal der Titel meines Aufenthaltes hier. Schon war November, jetzt ist auch schon Dezember. Ich erlebe hier so viel, dass ich auf der einen Seite kaum fassen kann, was alles in nur drei Monaten passieren konnte und auf der anderen Seite jeder Monat so schnell vergeht, dass ich mich jedes Mal erschrecke, wenn ich auf meinen Kalender schaue. In diesem Sinne: „WAS? Schon der zweite Advent?!“
Ich packe meinen Koffer und wer kommt mit?
Leider keiner. Denn Spielen ist gar nicht leicht und ganz und gar nicht selbstverständlich. Das weiß ich jetzt. Gruppenspiele waren immer Teil meiner Kindheit und Jugend gewesen – auf Freizeiten, im Unterricht, auf Geburtstagen. Neulich hatten wir Zeit und ich wollte einen Spieleabend mit den Chicos machen. Da stellte ich erstaunt fest, dass es ganz schwer für sie war zu spielen. Solche Spiele kannten sie nicht. Dazu konnten sie nicht unterscheiden, was Spiel und was Wettkampf war. Ich war bestürzt. Wie konnte das sein? Wieso konnten diese Kinder nicht einfache Gruppenspiele spielen? Das Ergebnis aus dieser Erfahrung ist daher wohl äußerst verständlich: jeden Mittwoch eine Stunde vor den Proben spielen– denn Spielen ist wichtig! Und das Lachen, dass ich zu hören bekomme, wenn wir so einfache Spiele wie Obstsalat oder Ozeanwelle spielen, motiviert mich immer wieder, nicht aufzugeben und weiterzumachen, egal wie anstrengend es ist.
Hilfe, Omar blutet!
An einem Abend kam ein Freund von mir mit klaffender Wunde im Arm ins Centro. An einer Straßenecke hatte man ihn überfallen und ihm ein Messer in den Arm gerammt. Zum Glück war Edgar Sahonero, der Arzt unter den Masis da und konnte Erste-Hilfe leisten. Allerdings nur so gut es ging, denn leider hatten wir keinen Erste-Hilfe-Kasten im Centro. Einige Zeit später marschierte ich daher dann zur Apotheke. Jetzt schmückt ein weißer Kasten mit rotem Kreuz das Centro.
“Viel Glück, ihr packt das!”
Wer denkt, dass das Musizieren im Centro Cultural Masis von allen gutgeheißen wird, der hat sich geirrt. So haben zum Beispiel die „Domingos“, 6 Schüler des Centros, wahre Probleme am Anfang in ihrer Schule gehabt, als man erfuhr, dass sie im Centro Schüler waren – nicht von ihren Mitschülern, sondern von der Musiklehrerin. Ich hatte das Vergnügen, diese Dame beim Talentwettbewerb in der Schule der Jungen kennen zu lernen und war äußerst froh, die sechs nervösen Talente zu begleiten und ihnen vor ihrem großen Auftritt Mut zu machen. Das Ergebnis war dann auch sehr erfreulich: sie haben den 2. Platz gewonnen, direkt nach den Lieblingen der Musiklehrerin…

Mit Segelohren die Wunderwelt Natur entdecken
Neben dem ganzen Arbeiten haben sich die drei Bolivien-Brücke-Freiwillige auch einmal eine Reise gegönnt. Äußerst spontan traten sie eine Reise in die Wunderwelt des Salar de Uyuni an – ein atemberaubendes Erlebnis. So ein Werk der Naturkräfte hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gesehen, und oft wenn ich daran denke, bezweifle ich teilweise, ob das, was ich sah, wirklich real war. Zunächst war da das Salz. Konnte diese große Fläche pures Salz sein, oder war es nicht vielleicht doch Schnee? Nun, die Geschmacksprobe machte deutlich, dass es sich wirklich um Salz handelte. Und dann war da noch etwas. Kannst Du es hören? Nein? Diese Stille zwischen Meterhohen Kakteen war wunderschön, beruhigend, friedenstiftend. Schau mal! Dort hinten, siehst Du die Lamas? Und dort, so viele Flamingos in der Lagune! Beeindruckend! Lagunen, Berge, Wüsten und Lavagebilde. Wirklich einzigartig! Wenn Du also mal eine Rundreise durch Bolivien planst, darfst Du den Salar de Uyuni auf gar keinen Fall vergessen!


„Warte einen Augenblick, ich habe mich noch nicht gefunden.“
Wir lernen gerade ein neues Stück im Centro. Dieses Stück ist ganz und gar nicht logisch und deshalb nicht leicht einzustudieren. Damit wir die Melodie verinnerlichen, haben wir mit Roberto die Methode „Relax“ angewendet. Auf dem Boden liegend, haben wir unsere Energie gesammelt und uns stark konzentriert und so die Musik zuerst in unser Unterbewusstsein und dann in unser Bewusstsein aufgenommen. Für mich war das das erste Mal und eine äußert interessante und überraschende, aber auch sonderbare Erfahrung. So habe ich mich kaum bewegen können, da ich wie festgeklebt am Boden lag. Am Ende der Übung musste ich mich erst einmal wiederfinden, da ich für einige Minuten ganz woanders war. Wirklich spannend, was man alles mit sich machen kann!
„WHAT?!“
Letzte Woche habe ich wieder einmal feststellen müssen, dass ich sehr dankbar für die Bildung sein kann, die ich in Deutschland bekommen habe. So habe ich Fabricio Englischnachhilfe gegeben, damit er seinen Test besteht. Fabricio ist vierzehn Jahre alt, in der 8. Klasse und lernt im Englischunterricht gerade, wie man sich unterhält, also wie man sich begrüßt und verabschiedet. Zu allem Überfluss lernt er dann auch noch die Grammatik so, wie er sie später in geschriebenen Texten nicht mehr anwenden darf. Es ist also kein Wunder, wenn viele der Jugendlichen hier kein Englisch können, denn man gibt ihnen ja gar nicht erst die Chance. Genauso ist es verständlich, dass die, die Englisch richtig lernen wollen, ins Amerikanisch-Bolivianische Institut gehen müssen, und dann Abend für Abend studieren und studieren.
Mit Tracht NortePotosi durch Sucre
Mittlerweile bin ich komplett Teil der Q’arapanzas, was bedeutet, dass ich ebenfalls tanze und die Lieder spiele. Genauso trage ich die Trachten. Einen kleinen Unterschied gibt es natürlich. Denn es ist nicht dasselbe, ob eine Bolivianerin in Tracht herumläuft oder eine „Gringita“. So habe ich einige lustige Situationen erleben können. Zum Beispiel hatten wir an einem Sonntag einen Auftritt, zu dem auch der Präsident Evo Morales kam. An diesem Tag war nämlich „Juancito Pinto“, an dem die Schüler Prämien bekamen, wenn sie gut in der Schule gewesen waren. Ich lief also um sechs Uhr morgens zum Centro in der Tracht „Norte Potosí“, da wir uns schon um sieben Uhr treffen sollten. Ich lief also mit meinen Avarcas (Art Sandale), meinem langen Kleid und blonden Flechtzöpfen durch die Straße, während sich die Taxifahrer fast die Hälse ausrenkten, als sie an mir vorbeifuhren. In einer anderen Situation war ich die Attraktion des Centros. An einem Freitag war die Nacht der Museen, in der alle Museen bis spät in die Nacht geöffnet waren. So auch das Centro. Zunächst spielten wir Q’arapanzas (Los Masis spielten an einem anderen Ort) und danach war es meine Aufgabe, in der Tienda (Laden) Rede und Antwort zu stehen. Hätte ich für jedes Foto, was die Besucher von mir gemacht haben, fünf Bolivianos genommen, wäre ich jetzt sicherlich Millionärin

„Ich streike!“
Wenn mich etwas wirklich aufgeregt hat, dann war es die Tienda. Dadurch, dass Roby seine kranke Mutter nach Cochabamba begleiten musste, saß ich jeden Vormittag in der Tienda. Am Anfang war das noch akzeptabel. Doch irgendwann langweilte ich mich so stark und verlor jegliche Motivation – hatte ich doch eigentlich so viel zu tun, was ich jedoch nicht realisieren konnte, da ich in der Tienda Löcher in die Wand starrte. Nach einem Gespräch mit Walter und einer Mail an Roby packte ich dann meine Sachen und zog nach oben ins Büro, wo ich dann das tat, was ich tun wollte und notwendiger war. Schließlich bin ich die VolunDaria und nicht die Verkäuferin!
„Daria, vos vas con nosotros, no ve?“ – “Claro, que sí!”
Mit Los Masis war ich jetzt schon zwei Mal unterwegs. Zuerst in Oruro, dann in La Paz. Das erste Mal hatten Los Masis einen Auftritt bei der Fraternidad der Diablada Oruros. Auf diese Weise lernte ich auch gleich die wirklich tolle Schwester Robertos und ihre Familie kennen. Die Reise nach La Paz nutzte ich aus, um Selma in El Alto einen Tag lang zu begleiten. Ich habe mich sehr gefreut, sie so glücklich in ihrem Projekt zu sehen. Ihr Projekt ist ganz anders als das meinige, aber auch sehr interessant!
Ich bedanke mich in diesem Sinne noch einmal bei dem Freiwilligen-Team der Bolivien-Brücke, denn unsere Projekte sind wie für uns auf den Leib geschnitten.
DANKE!
„Wenn Du Dich langweilst, machst Du etwas falsch!“
Das denke zumindest ich. Zurzeit kann ich mich vor Arbeit kaum retten. Arbeit an der Web-Seite von Los Masis (Texte gemeinsam mit Roby schreiben und sie dann ins Deutsche und Englische übersetzen, Fotos suchen, etc.), die Tournee mitorganisieren, dazu die Arbeit an meinen Projekten im Rahmen des Ferienprogramms (seit Mitte November haben die Chicos Ferien) und an den Vorbereitungen für das Jahreskonzert der Q’arapanzas. Meine Projekte? Als erstes hatte ich mir als Ziel gesetzt, eine Liste mit den Daten der Kinder und Jugendlichen zu erstellen. Mittlerweile habe ich fast alle und die Liste hat auch gleich ihren Nutzen gezeigt, denn einer unserer Auftritte wurde um vier Stunden vorverlegt und dank der Liste konnte ich alle Chicos anrufen und ihnen mitteilen, dass sie früher kommen mussten.
Mein zweites Ziel war der Geburtstagskalender, der mittlerweile im Vorraum des Saales hängt und vor dem sich in jeder freien Minute die Chicos tummeln, um zu sehen, wer wann Geburtstag hat.
Jeden Dienstag und Donnerstag mache ich mein Fotoprojekt: „Música en mi vida“ (Musik in meinem Leben). In diesem Projekt sollen die Chicos reflektieren, wo sie Musik in ihrem Leben finden und welche Einflüsse diese auf ihr Leben hat. Später sollen sie drei Fotos schießen, auf denen zu sehen ist, wo Musik in ihrem Leben eine Rolle spielt. Am Ende werden die Ergebnisse präsentiert. Was ich mit dem Projekt beabsichtige? Die Chicos sollen lernen zu reflektieren, ihre Gedanken in Worte zu fassen (was durch die schulische Erziehung gar nicht so leicht ist, da hier vor allem Wiederholen und Auswendiglernen die Methoden sind), ihre Fantasie und Kreativität zu nutzen, vor anderen zu präsentieren und zu sprechen. Bis jetzt haben wir herausgefunden, was „Leben“ und was „Musik“ ist, und was „Musik in meinem Leben“ ist. Jetzt geht es an die Fotos. Ich bin schon sehr gespannt auf die Ergebnisse, denn das was ich bisher von den Chicos gehört habe, hat mich schon sehr beeindruckt! Und es ist schön, so die Chicos von einer anderen Seite und sehr viel intensiver kennenzulernen. De verdad, ellos son verdaderamente capos!!!

„La Lesly, Rosso y Daria van a tener que trabajar mucho!“
Wieso? Nun, in diesem Jahr werden wir am 22.12. ein großes Konzert geben. Viele Stücke müssen wir üben und einstudieren bis es sitzt! Da Los Masis aber selbst einige Auftritte in der Zeit bis dahin haben, heißt es für uns drei: Dirigieren was das Zeug hält. Morgen zum Beispiel sind Los Masis in Oruro, um ihr Morenada-Videoclip zu drehen. Darum werde ich den Gesang-Chuntunquis*-Workshop morgen Vormittag leiten. Abends sind dann Lesly und Rosso, zwei der Älteren, an der Reihe. Das ganze sollte aber nicht negativ gesehen werden. So lernen wir selbständig zu arbeiten, was besonders für die Zeit, wenn die Masis in Europa sind, wichtig ist.
Ich bin immer noch super glücklich hier in meinem Projekt, in meiner Gastfamilie, in meinem Freundeskreis und hier in Sucre!
Muchos saludos a todos en Alemania y FELIZ NAVIDAD (das kann man ja jetzt schon sagen…)
Eure DARIA
* Chuntunquis ist der Name fuer die Weihnachtsmusik hier in Sucre (welche nicht mit der Deutschen Weihnachtsmusik zu vergleichen ist)